Mitläufereffekt

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Der Mitläufereffekt, auch Bandwagon-Effekt genannt, findet nicht nur Erwähnung im Marketing im Sinne eines Kommunikationseffekts, sondern dieser verbirgt sich ebenso im Bereich der Spieltheorie.

Historie

Der Mitläufer-Effekt wurde 1968 von Paul Felix Lazarsfeld, einem österreichisch-amerikanischen Soziologe, im Zusammenhang mit Wahlprognosen in den USA erforscht. Er zeigte auf, wie die Beeinflussung des Wählerverhaltens durch die Veröffentlichung von Wahlprognosen vorstellbar ist.(Schweigespirale) Der Lazarsfeldsche Bandwagon-Effekt beschreibt hierbei das Phänomen, dass Menschen sich der (vermeintlichen) Gewinnerseite anschließen möchten. [1] Damit lässt sich sagen, werden im Laufe einer Wahl, erste Prognosen des Wählerverhaltens der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, beginnen einige Wähler, zum einen ihre Wählerstimme nicht mehr dem präferierten Kandidaten zu geben, sondern dem vermeintlichen Gewinner dieser Wahl und noch unentschlossene Wähler folgen der breiten Masse und geben ebenso dem prognostizierten Gewinner ihre Stimme. Das Gegenstück zum Mitläufer-Effekt stellt der Underdog-Effekt dar. Hierbei handelt es sich um die Stärkung des prognostizierten Verlierers durch Mitleidseffekte.[2]

Beschreibung

Der Mitläufer-Effekt wird von Lazarsfeld mit einer rationalen Nutzen-Analyse begründet. Die Individuen beurteilen die negativen Folgekosten einer Entscheidung und ihre eigene Sicherheit beziehungsweise ihrer Durchsetzungsfähigkeit und bringen sie in Abhängigkeit zur Anzahl derer, die die gleiche Entscheidung treffen. Dabei wird die Unterschiedlichkeit der individuellen Persönlichkeit deutlich. Für jeden Mensch existiert ein spezifischer Schwellwert der Beteiligung anderer, ab dem er seinen Präferenzen nachgibt und die Situation für sicher genug hält, um sich ebenfalls dafür entscheiden zu können. Statt einer rationalen Nutzen-Analyse kann man an dieser Stelle auch andere individuelle Erwägungen setzen, zum Beispiel moralische, charakteristische oder soziale Aspekte. Wichtig ist nur die Annahme, dass ein Schwellwert existiert, etwa in Prozent angebbar, der dem Individuum präsent ist. Er kann 0 % oder 100 % sein, aber auch ein Wert dazwischen ist denkbar. Liegt der Schwellwert eines Spielers bei 0 %, lässt sich sagen, dass sich seine Entscheidung völlig mit seinen Präferenzen deckt und immer von dieser Entscheidung Gebrauch macht, ungeachtet wie andere Spieler agieren. Während ein Schwellwert von 100 % darauf schließen lässt, dass sich das Individuum nur zu einer Entscheidung entschließt, sobald alle anderen Spieler genau diese wählen. [3]

Befindet sich der Schwellwert zwischen diesen beiden Werten, so kommen die individuellen Erwägungen zum Tragen.

Im Falle eines Schwellwerts von 70 % existiert eine kritische Masse von 30 %. Diese würde durch ein koordiniertes Handeln den Mitläufer-Effekt in eine andere Richtung führen um ein neues Gleichgewicht zu stabilisieren. [4]

Fallbeispiel

Zum Zeitpunkt der Wiedervereinigung von Ost- und Westdeutschland verfolgten beiden Teile Deutschlands zwei sehr unterschiedliche Systeme hinsichtlich der Krankenversorgung. Während die Ärzte in Westdeutschland eine ambulante Krankenversorgung verfolgten, fanden Patienten in Ostdeutschland die Institution Poliklinik vor. Mit der Wiedervereinigung sollte eine Veränderung in Ostdeutschland, am Vorbild Westdeutschland stattfinden.

Die große Mehrzahl der ostdeutschen Ärzte wollte ursprünglich in den Polikliniken bleiben und sich nicht niederlassen. Dies hätte zur Erhaltung der Institution Poliklinik beigetragen. Bezüglich der Niederlassungen setzt hier der „Mitläufer-Effekt“ an. Bereits eine kleine Anzahl einzelner Poliklinikärzte unternahm anfängliche Niederlassungsaktivitäten und wenige Zeit später schlossen sich weitere Ärzte an.

Jeder von Ihnen wusste, wer am Ende in den Polikliniken zurückblieb, wird erhebliche Nachteile hieraus ziehen, denn alle Praxen wären vergeben und die Polikliniken müssten geschlossen werden. Um die ostdeutschen Polikliniken zu schließen, woran besonders die westdeutschen Ärzteverbände und das Bundesgesundheitsministerium Interesse hatten, wurden verschiedene Meldungen über die Niederlassungszahlen und Niederlassungswünsche über zeitlich begrenzte Unterstützungsmaßnahmen für niederlassungswillige Ärzte und rechtliche Benachteiligungen der Polikliniken bekannt gegeben. Die Folge daraus war, dass die Polikliniken abgeschafft wurden und die Ärzte sich in Praxen niederlassen mussten. Zu welchem Zeitpunkt die verschiedenen Ärzte aus den Polikliniken ausschieden und sich niederließen war abhängig von ihrem spezifischen Schwellwert. Ärzte, welche bereits zu Beginn der Wiedervereinigung die Polikliniken verließen, hatten einen eigenen niedrigen Schwellwert und im Umkehrschluss hatten Ärzte einen hohen, die sich erst wesentlich später dazu entschlossen. [5]

Spieltheorie

Der Ausdruck Mitläufer-Effekt entstand in Anlehnung an den Wagen mit der Kapelle, der als ’’Bandwagon’’ bezeichnet wird und das Publikum bei Festumzügen hinter sich herzieht.[6]

In der Spieltheorie beschreibt er einen Mechanismus, bei dem sich Einzelne dem Handeln oder der Meinung einer Mehrheit anschließen, weil sie glauben, damit erfolgreicher zu sein.[7]

Bleibt der Anteil der Teilnehmer innerhalb eines Szenarios zeilich konstant, besteht innerhalb einer Situation ein Zustand, der über einen bestimmten Zeitraum hinweg unverändert bleibt. Da jedoch jedes Szenario eine gewisse Dynamik aufweist, d.h. Teilnehmer hinzukommen oder Bestehende ihre Meinung während der Situation beeinflusst von einer kritischen Masse in eine andere Richtung ändern, führt dies dazu, dass sich das Gleichgewicht verschiebt.[8]

In dynamischen Spielen wird diese Veränderung des Gleichgewichts von Ökonomen und Statistikern mit Hilfe von neueren mathematischen Verfahren wie der Theorie der stochastischen Approximation belegt.[9]

Literatur

  • Avinash Kamalakar Dixit, Barry J. Nalebuff: ’’Spieltheorie für Einsteiger - Strategisches Know-how für Gewinner.’’ Schäffer-Poeschel, Stuttgart 1997, ISBN 978-3-7910-1239-1.
  • Raymund Werle, Uwe Schimank (Hg.): ’’Gesellschaftliche Komplexität und kollektive Handlungsfähigkeit.’’ Campus Verlag, Frankfurt/ Main 2000, ISBN 3-593-36470-0

Einzelnachweise